Im Sperrmüll

"...mein grüner Ahornpropeller"

Premiere: 10.10.2009
Klangbrücke Aachen

Presse:


 

von Peter Rühmkorf

Im Sperrmüll
Chroniken eines Wohnhauses

 

Eine Historiographin - so nennt sie sich selber. Eine Chronistin, die nach der Wahrheit trachtet und nach nichts als der Wahrheit. Akribisch beobachtet sie das Haus und seine Bewohner auf der anderen Straßenseite.

Seit 16 Jahren, tagaus tagein füllt sie unzählige Blätter mit den großen und kleinen Ereignissen der Nachbarschaft.

Da wäre zum einen Hausmeister Schwenn, seiner seits immer auf Beobachtungsposten und auf der Suche nach Kündigungsgründen. Frau Anna Arens Ehefrau des Klempners und stoische Geschäftsfrau, die dafür Sorge trägt, dass ihr Laden läuft, da ihr ständig aushäusiger Mann Jakob „über die Balkone turnt, wo nur irgendwo ein Schlüpfer an der Wäscheleine zuckt.“ Jakobs langjährige Geliebte Magdalena bewohnt mit Tochter Evelyne die Wohnung einen Stock tiefer und findet auch nach 13 Jahren immer noch die passenden Ausflüchte, um ihrer Tochter die Frage nach dem Vater nicht beantworten zu müssen. Evelyne überbrückt die Zeit der Ahnungslosigkeit mit weniger naiven Geschäften mit dem Nachbarn Professor Drenkhahn, auch genannt der „Lakritzenprofessor“, der an einer Abhandlung über Toilettensprüchen schreibt. Im Erdgeschoß befindet sich noch der Laden von Kaufmann Harms, der allerdings ein so unbewegtes Leben lebt, dass er der Schreiberin keine Zeile Wert ist.

Alles in Allem herrscht in der Oswaldstraße somit der ruhige Frieden der Unwissenden und selbst als in der Mansarde eine neue attraktive Mieterin einzieht, glaubt sich das Haus weit weg von Katastrophen, die immer den anderen passieren .

 

Bis eine kleine Unachtsamkeit die handgeschriebenen Zettel der letzten 16 Jahre auf die Straße weht und die gesammelten Aufzeichnungen der Historiographin in die Hände der Observierten fallen.

Das Unheil, das Literatur anrichten kann, nimmt seinen Lauf.

 

Peter Rühmkorfs Hörspiel von 1974 wird beim Spürbar Theater unter der Regie von Nicole Erbe zu einer modernen Parabel über die unheilvolle Macht, die das geschriebene Wort entfalten kann. Die Stimmen und Geräusche aus dem Radio werden auf der Bühne lebendig, bekommen Gesichter und Körper und entfachen einen Tanz des Misstrauens, der Verdächtigungen und der tragikomischen Missverständnisse.

 

"Ich versuche mir neu auszumalen, was passiert, wenn Literatur unter die Leute gerät, denen sie zugedacht ist. Die Berührung mit den Enthüllungspapieren jagt die Hexen auf und bringt die Dämonen auf Trab. Eine Schnitzeljagd hebt an, wo die Leute nach den Unterlagen trachten wie nach dem Leben und die Frage nach Identität aus den Nähten kracht." (Peter Rühmkorf)